Tag vier unserer Reise. Plötzlich ist sie schon wieder halb vorbei, es kommt mir vor als wären wir gestern erst losgefahren. Gleichzeitig, altbekanntes Phänomen beim Backpacken, scheint mir mein Aufenthalt in Broome so unendlich weit enfternt zu sein; Perth, zu der Zeit noch nicht einmal zwei Wochen her, ist eine Erinnerung aus grauer Vorzeit. Das passiert, weil man unterwegs so viel macht dass die Zeit rückblickend dann viel länger erscheint als sie eigentlich war, die einzelnen Tage vergehen aber aus dem selben Grund wie im Flug.
Heute bleibt es bei einer Wanderung. Emma Gorge hat es dafür aber auch in sich, die Schlucht ist eine der schönsten die wir diese Woche durchwandern werden und endet in einem Felsenpool mit Wasserfall. Diese Konstruktion findet man hier, sehr zu unserer Freude, öfter. So kann man nach dem visuell wie physisch atemberaubenden Spaziergang gleich ins kalte Wasser und meistens unter einen kalten Wasserfall. Da ist es mir dann auch egal, wenn ich mal keine Badehose dabei habe. Ich habe nämlich auf die ganzen Wanderungen nur den Foto und eine Wasserflasche mitgenommen und keinen Rucksack, das wäre mir viel zu heiss geworden und wenn ich mich wie dieses Mal nicht vorher umgezogen hab dann geh ich eben in der Unterhose und ohne Handtuch schwimmen, bei dem Wetter auch nicht weiter schlimm: Sobald ich pitschnass aus dem Pool steige verdampft das Wasser mit einem lauten Zischen schlagartig und man ist wieder trocken. Deshalb weiss man auch immer schon vorher, dass bald ein Badeloch kommt, man hört das ständige ZISCH und ZOSCH schon von weitem. Trotz allem ist das Wasser an sich richtig kalt und damit ich nicht friere entdecken wir eine heisse Quelle an einer Wand. Da klettern wir ein bisschen hoch und dann sitzen wir auf einem Felsvorsprung mit Blick auf den See während uns warmes Wasser über den Rücken sprudelt. Angenehm, angenehm. Außerdem spannend, weil der Quell aus der tiefe der Erde kommen muss, wir entspannen also mit Wasser live aus zehn Kilometern unter der Oberfläche, das vom Erdkern persönlich erhitzt wird. In der wet season muss das Ganze um einiges spektakulärer aussehen, da der Wasserfall da enorm sein wird und der See viel tiefer. Allerdings stünde dann wohl auch die ganze Schlucht unter Wasser und wir würden alle ertrinken.
Abends campen wir zum ersten Mal auf einem eigentlichen Campingplatz, das bedeutet die erste Dusche seit fast vier Tagen. Vier Outbacktagen, und das sind bekanntlich zwölf Menschentage. Warm sind die zwar nicht wie versprochen, aber hauptsache überhaupt duschen und rasieren. Apropos rasieren, man hat ja gesehen dass ich meine Haare geschnitten habe. Das war am Tag vor der Abfahrt weil ich einfach keinen Bock darauf hatte, tagelang mit langen Haaren ohne Dusche durch den Staub und die Hitze zu pilgern und ich war jeden Tag dankbar für diese Entscheidung. Keine Ahnung wie die ganzen Mädchen und langhaarigen Brasilianer (nagut, einer) das ausgehalten haben, aber ich hatte ja nicht mal eine Bürste. Weiteres wichtiges Argument: Mit den langen Haaren sah die Mütze blöd aus, und ohne Baseballmütze hätte ich hier nicht lange überlebt. Lösung: Haare weg.
Der vorletzte Tag der Tour bringt uns zu den guten Zebedee Springs. Eigentlich hiessen die ja Ben Springs, auch ein ganz guter Name wie ich finde, aber dann wurden sie nach einem Charakter aus einer Kinderserie benannt deren Erfinder, wie später heraus kam, dem Drogenkonsum nicht abgeneigt waren und der immer auf Sprungfedern gehüpft ist. Wir sind richtig früh dahin und waren schon vor sechs Uhr dort. Und zwar weil gleich um die Ecke ein Luxusresort ist in dem Leute wie Kylie Minogue (oder wie sie sich schreibt) und Hugh Jackman (‘Wolverine’) abhängen (beides AustralierInnen) und dafür $2000 die Nacht zahlen. Minimal stay two days, aber das ist doch dann auch egal, oder? Ich meine, für wen ist diese Regel gedacht? Für die ganzen Backpacker, die ihr gesamtes Reisebudget in einer Nacht verpulvern und dann mit einem schelmischen Lachen nach einem Tag wieder abhauen? Jedenfalls sind da also die reichen Leute und die wollen die Springs natürlich auch benutzen. Aber halt alleine, und so sind die Quellen ab 12 Uhr Mittags für Normalsterbliche geschlossen. Das führt natürlich dazu, dass es davor recht voll werden kann. Dazu muss man sagen dass diese Quellen sehr beliebt und offenbar gar nicht so weit von der nächsten Siedlung entfernt sind. Zudem ziemlich klein. Als wir angekommen sind (keine Bilder gemacht weil war ja nass) war mir aber gleich klar, dass sich das zeitige Aufstehen gelohnt hatte. Mitten im Dschungel zwischen Palmen und Felsen füllt eine heisse Quelle eine Reihe natürlicher Pools. Das Wasser darin ist richtig, richtig warm. Man legt oder setzt sich rein, schaltet ab und geniesst die Ruhe. Mir haben nur die armen Leute leidgetan, die um halb sieben da ankamen, also für normale Verhältnisse immer noch echt früh aufgestanden sind, und dann alle Becken voller Backpacker vorfinden. Halb so wild, denn wir sind nach einer Stunde wieder los (aber nicht, ohne vorher zu frühstücken, ich meine wie gut kann ein Tag anfangen? Ein warmes Bad in einer sprudelnden Quelle und wenn man raus kommt ist es draußen auch schon warm und ein english breakfast mit eggs, toast, beans und bacon wartet?). Das war auf jeden Fall ein weiteres Highlight dieser Tour, unglaublich. Und ich weiss jetzt auch, warum die reichen und berühmten Menschen da niemand anderen haben möchten, denn während ich mit fünf anderen im höchsten (und damit am nähesten an der Quelle (und damit am wärmsten)) Pool abgehangen bin kamen ständig Leute aus unserem Bus und haben Fotos gemacht oder jemand ist raus um ein Gruppenfoto zu machen und ich habe mich von all den Paparazzis sehr bedroht gefühlt.
Dann sind wir weiter Richtung Northern Territory gebraust, haben unterwegs noch einen riesigen Stausee mit tausenden von Krokodilen, alle unsichtbar, und einen wunderschönen Fluss bestaunt. Wir sind jetzt in der Region in der jeder Strand, jeder See, jeder Fluss und jede Pfütze ein Warnschild vor Krokodilen besitzt, denn hier beginnt das Herrschaftsgebiet der Salzwasserkrokodile. Zwar gibt es keine Garantie dafür, in einem bestimmten Gewässer auch wirklich eines anzutreffen, aber eben auch keine für das Gegenteil und da sie wie schon angedeutet äusserst territorial und aggressiv sind, außerdem Spitze der Nahrungskette und desweiteren gut in der Lage, einen Menschen zu erlegen geht man einfach besser das Risiko nicht ein. Im Gegensatz zu ihren Süßwasserkollegen, die Fisch bevorzugen, fressen sie auch noch sehr gerne Fleisch. Über ihre gute Tarnung habe ich ja schon einige Worte verloren und so kann man gut verstehen, dass ihre Stärke der Überraschungsangriff ist. Nachdem sie sich unbemerkt genähert haben benutzen sie ihren muskulösen Schwanz um sich in Bruchteilen einer Sekunde auf ihr Opfer zu stürzen, sich darin zu verbeissen und es zurück ins Wasser zu ziehen. Viele der Menschen, die von Krokodilen angegriffen wurden, standen in seichtem Wasser. Dann dreht sich der Jäger unter Wasser schnell und wiederholt um die eigene Achse in der Absicht, der Beute entweder das Genick zu brechen oder sie zu ertränken. Wenn es darauf ankommt, können die ansonsten so behäbigen Reptile ungeheuer schnell sein. Man sagt sie können zwar in einer geraden Linie große Geschwindigkeiten erreichen ab hätten Probleme mit Richtungswechseln und darum heisst es hier oft, man solle im Falle eines Angriffs im Zick-Zack-Kurs flüchten. Anscheinend ist dieser Tip nicht falsch, aber einfach vollkommen irrelevant: Wenn man nach diesem ersten angriff noch lebt hat man sowieso nicht mehr viel zu befürchten weil das Tier dann recht schnell das Interesse verliert. Zu Krokodilen aber bald mehr.
Um den Fluss gut sehen zu können sind wir auf eine Brücke gelaufen. Fahren durften wir nicht weil sich auf der anderen Seite eine Militärbasis befand. Mit ihrem Militär sind die hier sowieso komisch. Einer der größten, manche sagen der größte Feiertag ist in Australien der ANZAC Day. Australian and New Zealand Army Corps, das waren die australischen (und neuseeländischen) Truppen im ersten und ich glaube auch zweiten Weltkrieg. Deren wichtigste Schlacht war die Landung auf der Gallipoli-Halbinsel. Das britische Oberkommando wollte damit einen Brückenkopf für den Kampf gegen die Türken schlagen. Eine internationale Armee rannte acht Monate lang gegen die Verteidigungsstellungen an, über 8.000 australische Soldaten kamen dabei ums Leben. Die Küste wurde nie eingenommen und der Invasionsversuch zählt zu den größten Fehlschlägen der Militärgeschichte. Ja, und das ist der Anlass für diesen Feiertag an dem den australischen Helden gedacht wird. Die in einer katastrophalen Niederlage von den Briten als Kanonenfutter benutzt wurden. Andere Nationen feiern ihre Armee mit anderen, triumphaleren Geschichten, aber jedem das seine. Wir sind dann noch an ein Denkmal gekommen, voller Pathos für die tapferen australischen Soldaten die hier im zweiten Weltkrieg irgendetwas heldenhaftes vollbracht haben müssen. Das war nun so: Irgendwan im zweiten Weltkrieg wurde Australien tatsächlich von Japan angegriffen. Darwin wurde bombadiert und einige hundert Menschen in der Stadt vielen dem Angriff zum Opfer, außerdem noch viele mehr auf den amerikanischen Kriegsschiffen vor der Stadt. Seitdem herrschte in Australien eine paranoide Angst vor einer japanischen Invasion. Der gesamte Norden wurde zu einer Verteidigungsfront. Das Problem dabei ist, dass der Norden Australiens aus Wüste, Dschungel und sonstiger Wildnis besteht. Und das Denkmal war für die Einheiten, die Jahre lang im Wald umhergeirrt sind und Japaner gesucht haben.
Und dann war schon der letzte Tag. Morgens sind wir nochmal zu einer Quelle gefahren in der das Wasser zwar nicht besonders warm (bedenkt aber dass wir hier immer noch in australischen Maßstäben sprechen), dafür aber super sprudelig war. Außerdem gab es eine natürliche Rutsche, ein ganz kleiner Wasserfall (vielleicht 50cm) von einem Becken ins nächste. Wenn man dort angeschwommen kam konnte man auf dem Bauch kopfüber ins untere Becken rutschen/fallen, was ganz lustig war und ziemlich doof aussah und außerdem habe ich mir dabei die Hüfte aufgeschürft und eine schreckliche Narbe davon getragen. Und dann, bevor wir Abends in Darwin angekommen sind, gab es noch einen See mit Wasserfall.
Dort stand zwar auch ein Schild von wegen Krokodilwarnung, aber ich bin mir ziemlich sicher dass sie den See sofort schließen wenn sie ein Krokodil finden. Trotzdem klar auf eigene Gefahr, aber das war natürlich der Witz an dem Ganzen und es war ein adrenalinhaltiges Gefühl dort zu schwimmen, den Boden unter sich nicht sehen zu können und zu wissen dass theoretisch jederzeit ein Krokodil nach den Zehen schnappen könnte. Ein paar sind bis zum Wasserfall rausgeschwommen, das war mir zu anstrengend und ich hätte bestimmt Panik bekommen, die meisten sind gar nicht erst rein weil sie Angst hatten, das war mir zu langweilig und dann doch auch zu heiss. Ich glaube außerdem kaum dass unser Tourguide regelmäßig zum Schwimmen an einen See fährt an dem er jedes Mal ein paar Teilnehmer an Krokodile verliert.
Ja und dann waren wir auch schon in Darwin. Alles in allem sehr, sehr lohnenswert, es hat unglaublich viel Spaß gemacht und ich bin hoch zufrieden. Darüberhinaus wollen ja viele von dieser Tour auch den Kakadu National Park bei Darwin besuchen und zusammen kann man sich gut einen Jeep mieten und ein paar Tage dort verbringen, das ist viel billiger und flexibler als mit einem Reiseunternehmen. Bis bald!